
ZAHNRIEMEN
SPEZIAL
Die lästige Kette. Muss
ständig gepflegt werden, versaut das halbe Motorrad (das Scottoileröl
macht auch Dreck), macht einfach Krach und ist deshalb nicht mehr zeitgemäß.
Viele mag das vielleicht
nicht stören, aber wer einmal Kardan gefahren hat und dann zurück
auf Kette "muss", der weiß wovon ich spreche.
Nach
dem Umstieg von meiner kardangetriebenen XJ 900 S auf die VFR 800 hat mir
eigentlich nur der Kardan gefehlt, bzw. eben eine saubere Art des Antriebs.
Also Umbau auf Zahnriemen.
Vorteile des Zahnriemens:
1. Kaum Pflege notwendig
2. Kein Nachspannen
3. Leise
4. Leicht
5. lange Haltbarkeit
Nachteile:
1. Wenig erprobt,
deshalb Versuchskaninchen
2. ???????
Welche Firmen machen sowas? Firma V&H in Oldenburg! Anruf genügt, "Für die VFR noch nicht, mangels Nachfrage" und der Umbau würde so um die 2400DM kosten.
Was bleibt ist die Idee und
nun die Umsetzung.
Da ich ein halbes Jahr bei
der Firma ABB (dank an alle, die mir dort geholfen haben) ein Praxissemster
absolviert habe, hatte ich die Gelegenheit die Riemenräder selbst
zu drehen. Doch bevor es losgehen konnte viiiiiiiel Recherche.
Welcher Riemen?
Beim Stöbern im Internet
bin ich auf ContiTech gestoßen, die habe Riemen in allen möglichen
Varianten.
Dann suchte ich mir eine
Firma, die die vertreibt und sich damit auskennt. Fündig wurde ich
mit der Firma "piiieeep" in Nürnberg. Also dorthin, Idee vorgetragen,
"machen wir nicht, aber die Auslegeungsrechnung können wir machen",
also los. 98PS sind 74kW bei 10500U/min, nee falsch, Kraft am Getriebeausgang!
Also Getriebe dazugerechnet,
1 Gang wohlgemerkt, bei 10500 U/mm einkuppeln........Uff, "das halten unsere
Neopren Riemen nie". Also anderer Hersteller, Gates, gängig bei Buell
und Harley, Polyurethan Riemen.
Welches Profil, standard
HTD oder spezielles GT, also GT, das beste ist gerade gut genug. Beiläufig
erwähnt, Buell fährt mit dem billigen HTD.
Welche
Breite, mhhhhhh, nehmen wir mal 37mm, müsste reichen, Rechnung ist
hinfällig, weil wie oben gerechnet hält das auch die originale
Kette nicht. Beiläufig erwähnt, Buell nimmt einen 27mm Riemen,
würde ich mich ich bei 90PS und 100Nm nicht trauen, aber Großhersteller
dürfen das.
Welche
Riemenlänge? 125 Zähne oder 140 Zähne. 140 Zähne geht
nicht, weil dann der Achsabstand viel zu lang werden würde, bzw. ich
ihn garnicht mehr hätte, also 125 Zähne, passt gerade so, dachte
ich, probiert hatte ich es bis dahin noch nicht.
Der Riemen war also gefunden.
Welche Riemenräder?
WICHTIG für den späteren
TÜV, die Sekundärübersetzung darf nur 5% abweichen.
Konstruktiv günstig,
wegen Umschlingungswinkel, sind beim Riemen möglichst große
Riemenräder. Was sind denn da so die Kleinsten? 28 Zähne, passt
platzmäßig nicht. Was würde denn passen? 22 Zähne,
uff, das Fertigungswerkzeug geht schon bloß bis runter zu 25 Zähnen,
aber irgendwie geht das schon. Und hinten? Demnach 56 Zähne, scheiße
passt nicht in die Schwinge. Also vorne 21 hinten 53, müsste passen,
aber nur mit Versatz nach außen, also messen, probieren, messen probieren,
naja irgendwie geht das schon.
Welches Material?
Stahl oder Alu........Stahl.
Ab an die Drehbank, hinteren Rohling aus Stahl, auweia 4,5kg, das geht
nun wirklich nicht. Also Alu, aber was für Alu. Nachforschungen haben
dann ergeben, dass wohl irgendein DurAluminium gut ist, also AlCuMg1 F39.
Also Block für 109DM kaufen und 96DM Material abdrehen, fertig ist
der Riemenrohling für Hinten.
Für vorne ist Alu schlecht,
weil zu weich. Also Vorne Stahl, wobei die Zähne auch noch gehärtet
werden müssen, besonders wichtig bei so wenigen Zähnen. Wie bekommt
man jetzt aber die Innenverzahnung für die Getriebeausgangswelle hin?
Es gibt nur wenige Firmen, die sowas machen (Honda Lizenz) und dann auch
nur sehr teuer. Also Zubehörritzel kaufen, Zähne wegdrehen, einschrumpfen,
verstiften, verschweißen, fertig.
Im Nachhinein wäre
schrauben vielleicht besser gewesen, die Schweißnähte schauen
nicht so toll aus.
Nun ab mit den Rohlingen
zu der Firma, die die Verzahung fräst. 53 Zähne kein Problem.
21, naja wie gesagt, das Werkzeug geht bis runter zu 25 Zähnen. Drunter
wird es Kunst, aber es ging. 2x 270DM
Jetzt noch ein paar Planflächen
schräg gedreht, einige Löcher und Senkungen gebohrt, die Gewinde
geschnitten, die Bordscheiden aus 1,5mm Blech abgestochen, verschraubt,
fertig sind die Bordscheiben. Hört sich einfach an, ist es aber garnicht
unbedingt. Wie schräg, welcher Aussendurchmesser, wie dick, wo die
Löcher, wie tief die Senkungen usw. usw..
Jetzt
musste ich noch Abstandshalter für das Schutzblech drehen, damit es
1cm rausgesetzt werden kann, damit der Riemen drunter Platz hat.
Nun noch die Aluteile Eloxieren
lassen, wegen Korrosion.
Dann musste natürlich
noch die Ritzelabdeckung nach Außen gesetzt werden. Mit Hilfe von
einigen selbstgedrehten Abstandshülsen, längeren Schrauben und
längerer Kupplungsdruckstange ist das auch kein Problem.
Und jetzt?
Spannender Augenblick, die Montage:
Das
21er Rad passt vorne rein, nach
hinten 1mm Platz, nach vorne
2mm.
Der Riemen geht außen
am Fussrasten-
träger gerade so vorbei,
der Kettenschutz
passt prima.
Das
hintere Riemenrad passt
mit 3mm abgedrehter Bordscheibe
auch in die Schwinge, perfekt.
Und jetzt.........
Der TÜV:
Ihr wisst schon. Dieser Verein,
der im halbstaatlichen Auftrag die Sicherheit unserer motorisierten Fahrzeuge
überprüft, aber für nichts haftet und das ganze auch noch
ohne jeglichen technischen Sachverstand. Hört sich böse an, ist
es auch.
Ich werde hier die TÜVs
auch nicht anschwärzen, können ja nichts dafür ;-((((.
TÜV 1. Größter
TÜV in der Nähe.
"Wir brauchen, Festigkeitsgutachten
für die Riemenräder, Festigkeitsberechungen für den Riemen,
eine Freigabe vom Fahrzeughersteller und ein Gutachten, was der Riemen
bei Einfederung mit der nachlassenden Spannung macht. Dann machen wir Fahrversuche
und dann tragen wir das vielleicht ein"
Festigkeitswerte hätte
ich ja für die Materialien, aber Gutachten für die Räder,
woher denn?
Berechnungen für den
Riemen, siehe oben, eine Kette hälts auch nicht.
Bei Einfederung? Ich weiß
zwar was er meint, aber ist das sein Ernst?
Fahrversuche, Kosten?
Freigabe des Herstellers?
Eins nach dem Anderen.
Freigabe des Herstellers:
Honda Deutschland anrufen,
Techniker verlangen, Situation schildern, Antwort (Zitat): "Wir leben hier
in Deutschland in einem demokratischen Land, in dem jeder an seinem Motorrad
umbauen darf was er will, die Aufgabe des TÜVs ist es dann, das abzunehmen.
Von uns bekommen sie nichts, weil das Schwachsinn ist, das sag ich dem
TÜV-Prüfer auch persönlich"
DANKE HONDA DEUTSCHLAND.
Armer TÜV
Einfederung:
Is klar. Da der Schwingendrehpunkt
nicht mit dem Ritzeldrehpunkt übereinstimmt, wird der Riemen bei zunehmendem
Einfedern seiner Vorspannung beraubt. Wenn sich der Prüfer auskennen
würde, würde er so ein Gutachten garnicht haben wollen, weil.....
1. Bei meiner VFR macht
sich dieser Effekt, dank Ritzel-Drehpunktabstand von 9cm kaum bemerkbar,
2. Moderne Zahnriemen sind
gegen Spannungsänderungen relativ unempfindlich
3. Buell hat einen Ritzel-Drehpunktabstand
von 19cm! Und wer die Spannung eines Buell Zahnriemens mal bei Einfederung
überprüft hat, kann über die TÜV Forderung nur lachen.
Auf jeden Fall war mir das
bei dem TÜV zu blöd, also bin ich zum angeblich motorradfreundlichsten
TÜV in der Gegend gegangen. Die wollten schon mal keine Herstellerfreigabe,
kein "Spannungsgutachten", kein Riemengutachten (Ich erinnere bloß
an die 27mm bei Buell), sondern nach Telefonauskunft nur Festigkleitswerte
für die Räder.
Also Werte besorgt, Zugmodul,
Streckgrenze usw. und ab zum TÜV.
Dort angekommen, "schaut
gut aus, aber ohne Festigkeitsgutachten geht nichts". Aber ist das nicht
gerade der Job des TÜVs? 10min mit dem Taschenrechner und ein TÜV-Ingenieure
müsste eigentlich rausbekommen, ob das die Räder halten oder
nicht. Nur so zum Vergleich. Es gibt Kettenritzel aus Alu, die die Zugkraft
auf 5mm Materialbreite verteilen, bei meinen Riemenrädern sind das
fast 4cm. Buell fertigt das Riemenrad hinten aus Guss-Alu, meines ist aus
dem Vollen gedreht, also was wollen die überhaupt.
Was
blieb, ist der Anruf bei der Firma V&H in Oldenburg. Könnt ihr
mir helfen meinen Umbau durch den TÜV zu bekommen?
Nich nur, dass mich die
Firma V&H während der ganzen Zeit mit wichtigen Infos über
Material und Fertigung informiert hat, nein sie helfen mir sogar durch
den TÜV. Herzlichen Dank nach Oldenburg, einfach großartig.
Also ab nach Oldenburg zum
TÜV, Anschauen, Probefahrt, Eintrag, fertig.
DANKE TÜV-Nord.
Bitte tut mir und der Firma
V&H den Gefallen und lauft nicht gleich an die Drehmaschine und ans
Telefon um V&H um Rat zu fragen. Er ist gerade dabei einige weitere
Modelle auszustatten. Warum er für viele, u.a. auch für die VFR,
noch keinen Umrüstsatz hat, hat folgenden Grund. Für viele Modelle
sind tatsächlich aus Platzgründen nur Riemenräder vorne
mit 21 oder 22 Zähnen verwendbar. Aber wie gesagt, das ist absolute
Untergrenze. Und da die Firma bei ihren Umbauten ihren Kunden auch eine
gewisse Laufleistung garantieren will, baut sie keine Umbauten mit 21/22
Zähnen. Es gibt einfach noch zu wenig Erfahrungswerte über die
Lebensdauer bei solch kleinen Zahnzahlen. Ich bin sozusagen das Versuchskaninchen.
"Mal sehen, was daraus wird,
bisher auf jeden Fall schon 3500km ohne Probleme. Ich werde weiter berichten."
Und das tue ich hiermit.
Leider muss ich berichten, dass der Riemen nicht länger als 4100km
gehalten hat.
Beim Losfahren an einer
Ampel riss er glatt über die gesamte Breite und verabschiedete sich
auf die Straße. MIST!!
Spekulationen über die
Gründe:
1. Der Riemen war zu schmal.
Kann nicht sein, gibt schmalere an Motorrädern, die länger halten.
2. Am hinteren Riemenrad
war nach den 4100km Verschleiß in der Art von Abrieb an den Zähnen
festzustellen. Aufgrund der Oberflächenbeschaffenheit an diesen Stellen
wohl durch Reibung (Dreck) ausgelöst. Vielleicht war das Alu zu weich,
AlMgCu1? komisch........
3. Das vordere Riemenrad:
Wie im Absatz drüber beschrieben, sind meine 21 Zähne wirklich
sehr wenig für ein Zahnriemenrad. Nicht von der Belastung der Zähne
her, die im übrigen keinerlei Verschleiß zeigen (sowohl am Riemen
wie auch am Rad vorne), sondern weil der Umschlingungswinkel zu eng ist.
Das führt wohl tatsächlich zu einer zu starken Belastung des
Riemens, was widerrum zur Schwächung und schließlich zum Versagen
führt. Aufgrund des geraden Risses und der nicht vorhandenen Spuren
am Riemen schließe ich auch falsche Fluchtung oder Spannung als Ursache
aus.
Es war also wahrscheinlich
das kleine Riemenrad vorne. SCHADE.
